Kommentar: Computer und Netzwerke - schöne flache Welt?

"Computer und Computer-Netze haben die Welt flach gemacht", behauptet Dieter Wunderlich. Das lässt Betrachtungen aus zahlreichen Perspektiven zu: Ist die Gesellschaft abgeflacht durch einen Überfluss an nötigen und unnötigen Informationen? Oder sind die Hürden zur Überwindung von Information flach geworden? Ist die Erde – virtuell gesehen – eben doch eine Scheibe?

Die ganze Welt in den eigenen Händen: Netzwerke globalisieren (Bild: flickr.com/xJason.Rogersx)
Die ganze Welt in den eigenen Händen: Netzwerke globalisieren (Bild: flickr.com/xJason.Rogersx)

Dieter Wunderlich bezieht sich in seiner Aussage, „Computer und Computer-Netzwerke haben die Welt flach gemacht.“, auf Thomas L. Friedmans Buch „Die Welt ist flach – Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“. Unbestreitbar ist, dass neue Technologien gesellschaftliche Veränderungen mit sich gebracht haben und sie weiter ändern werden. In Politik, Arbeit, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur und Medien, im alltäglichen Leben. Weil alles, was einen Namen hat, leichter fassbar ist, leichter kategorisiert werden kann, spricht Manuel Castells in seiner dreibändigen Studie von einer Netzwerkgesellschaft („The Rise of the Network Society“). Typisierungen wären auch noch: Bindestrich-Gesellschaft (mit Bindestrich!), Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft. Letztgenannte implizieren gleichzeitig Visionen und Wünsche.

Castells Vorstellung der Netzwerkgesellschaft

Castells spricht von elektronischen, organisatorischen und sozialen Netzwerken. Von einer dynamischen, flexiblen und offenen Netzwerkarchitektur, die sich unendlich erweitern lässt und gestattet, Komponenten, die weniger oder gar nicht gebraucht werden, zu umgehen. Wer bestimmt, was weniger oder nicht nötig ist, bleibt an dieser Stelle mal außen vor. Die Steuerung eines solchen Netzwerkes jedenfalls geschehe durch zentralisierte Knotenpunkte.

Wandel zur Netzwerkgesellschaft

Wohin führt die Wandlung zur Netzwerkgesellschaft? Wohin haben bisher alle Wandlungen geführt? Gesellschaftlich betrachtet, werden Individuen und Gruppen ausgegrenzt, andere dafür mehr beteiligt als in der bisherigen Gesellschaft. Kommerzialisierung, Disneyfizierung, staatliche Überwachung, die Beteiligung und Einflussnahme auf die Gestaltung der Netzwerkgesellschaft und nicht zuletzt die daraus entstehende Durchsetzung weiterer Wandlungen beziehungsweise der Primärinteressen einzelner und globaler Player, folgende Konfliktherde – all das sind Tendenzen. Tendenzen, wie sie jeder gesellschaftliche Wandel mit sich brachte.

Oder bringen könnte, denn die Netzwerkgesellschaft stellt sich mit dem Versuch der freien Netze dem Zwang entgegen. Einschränkungen und damit Entmündigung sollen umgangen werden: Globales Miteinander mit einem hohen Maß an Selbstverantwortlichkeit und im Rahmen einer weitreichenden Autonomie. Der Soziologe Daniel Bell nutzte den Begriff „Wissensgesellschaft“ für die Veränderung, die er 1985 bereits zu spüren bekam und die sich heute eben virtuell weiterführt:

“Die nachindustrielle Gesellschaft ist in zweifacher Hinsicht eine Wissensgesellschaft: Einmal, weil Neuerungen mehr und mehr von Forschung und Entwicklung getragen werden [...]; und zum anderen, weil die Gesellschaft [...] immer mehr Gewicht auf das Gebiet des Wissens legt.“, formulierte Bell. Wissen im digitalen Zeitalter setzt voraus, dass die Gesellschaft nicht entmündigt wird, dass Autonomie und Selbstverantwortung zum Selbstverständnis werden.

In diesem Zusammenhang lässt sich das eingangs erwähnte Zitat, „Computer und Computer-Netze haben die Welt flach gemacht“, mit hierarchischen Ebenen verknüpfen: Staatliche und private Forschungsaktivitäten müssten expandieren, die Hierarchien zwischen „privatem“ und „staatlichem“ Wissen aufgehoben, mindestens abgeflacht werden.

Autonomie in Abhängigkeit

Paradox, dass die angestrebte Autonomie Abhängigkeit voraussetzt: Die Abhängigkeit davon, dass die Hierarchien zwischen privatem und staatlichem Wissen abflachen oder aufgehoben werden. Und die Abhängigkeit von komplexen elektronischen Netzwerken. Die Abhängigkeit davon, dass der private Bürger, der Mensch, diese Netzwerke auch nutzt.

Mit der Netzwerkgesellschaft wird – so die Vision – die Massengesellschaft, die seit der Industrialisierung besteht, abgelöst. Während die Massengesellschaft auf face-to-face-Kommunikation setzt, auf Individualkommunikation innerhalb einer Gemeinschaft, setzt die Netzwerkgesellschaft auf globale Kommunikation. Der Kommunikationsraum weitet sich immens aus. Virtual Communities sind längst Realität. Ihre Bedeutung und Reichweite ist (noch) begrenzt. „Technology is society and society cannot be understood or represented without its technological tools“, schreibt Castells in seiner Trilogie – und bestätigt damit die Annahme der Abhängigkeit von Technologie. Weiter sagt er: „The Information Technology Revolution did not create the network society. But without information technology, the Network Society would not exist.“ – die technische Revolution kreiert keine Netzwerkgesellschaft, aber ohne sie könnte die Netzwerkgesellschaft nicht existieren.

Netzwerkgesellschaft: Von der Vision zum Umbruch

Nicht die zentrale Rolle von Wissen und Information prägt den Umbruch zur Netzwerkgesellschaft. Vielmehr sind es technologische Umbrüche, die Wissen und Information weiter und schneller verbreiten. Die Tatsache, dass Wissen frei sein kann. Das sind die Umbrüche, die die aktuelle Zeit erlebt. Und mit der sie umgehen muss. Gewonnenes Wissen trägt zu neuem Wissen bei und mit der „abgeflachten“ digitalen Welt, mit der Welt, die in der Vision „freies Netz“ ohne Hierarchien auskommt, geht es um neue Informationsverarbeitungsprozesse. Diese tragen in ihrer Weiterentwicklung in Bezug auf Technologien und Gesellschaft erneut zu Veränderungen bei:

Es ist möglich (und wird immer möglicher), schnell miteinander zu interagieren – global. Der Umbruch unserer Zeit ist geprägt von der Schaffung neuer Innovationen, von einer Feedbackschleife zwischen Innovationen. Diese Schleife wirkt aufgrund der großen Reichweite, die zweifelsfrei noch lange nicht ihren Zenit erreicht hat, schneller denn je. Änderungen, Weiterentwicklungen und Geschehnisse bleiben nicht mehr lokal, sie führen zu globalen Konsequenzen.

Aber, und das darf nicht übersehen werden: Der Zugang und die Möglichkeiten der Anwendung dieser neuen Technologien und allen folgenden Innovationen öffnet damit eine neue Schere für gesellschaftliche Ungleicheiten und Probleme. Die sich aus den aktuellen Umbrüchen heraus entwickelnde Netzwerkgesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass sie Prozesse und Strukturen auf Netzwerke auslegt. Was wird aus dem „analogen“ Teil unserer Gesellschaft, wenn …

  • … eine informationelle Wirtschaft entsteht, die auf diese Technologien angewiesen ist?
  • … eine „vierte Welt“ daraus entsteht, dass nicht die gesamte Welt, sondern nur ihr digitaler Anteil mitmacht und die Integration ins globale Netz scheitert?
  • … Netzwerk-basierte Unternehmen netzwerksichere Mitarbeiter und Geschäftspartner suchen?

Der steinige Weg zur Netzwerkgesellschaft

Diese und weitere Fragen sind bislang nicht beantwortet, sie können auch gar nicht beantwortet werden, sondern sind Teil des steinigen Wegs zur freien Netzwerkgesellschaft. Sie ist gewollt. Und sie tut viel Gutes. Sie erlaubt flexiblere Beschäftigungsmodelle, sie erlaubt Zugang zu Wissen und Information, sie erlaubt globale Interaktion. Sie birgt allerdings die Gefahr der sozialen Polarisierung.

Wir sind im Wandel. Immer. Es hat eine Zeit begonnen, in der wirtschaftliches, politisches, kulturelles und gesellschaftliches Agieren nicht mehr unbemerkt bleibt – immer unter der Voraussetzung der Vision des „freien Netzes“. Der Bürger wird zum globalen Akteur; zum Agierenden, weg vom Reagierenden. Wenn er mitmacht und mitmachen kann.

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